Die Idee der Thales-Akademie

Die Thales-Akademie ist eine gemeinnützige und weltanschaulich unabhängige Initiative, die Ende 2013 von Frank Obergfell und Philippe Merz gegründet wurde. Sie öffnet neue Denkräume, um Menschen die Möglichkeit zu bieten, ihre Haltung zu philosophischen und ethischen Fragen unserer Zeit zu schärfen. Hierfür bietet die Thales-Akademie derzeit drei wissenschaftliche Weiterbildungen, zahlreiche Seminare sowie das Thales-Forum an.

Unsere Geschichte

Als die Thales-Akademie 2013 ihre ersten Gehversuche unternahm, war sie ein kurioser Paradiesvogel. Philosophie für Menschen aus der Wirtschaft? Welch weltfremde Idee. Als wir Anfang 2015 erstmals die Weiterbildung Wirtschaftsethik anboten, schien die Skepsis umso berechtigter: Ein einziger wackerer Teilnehmer meldete sich an, sodass wir die Premiere gleich wieder absagten. Ein halbes Jahr später versuchten wir es erneut. Diesmal jedoch füllten sich die Reihen, und die menschliche wie inhaltliche Resonanz auf diesen ersten Jahrgang hat uns ungeheuer ermutigt. Seitdem haben wir die Spannweite der Themen ausgedehnt, von der Wirtschaftsphilosophie und Unternehmensethik auf die Medizinethik und Digitalethik. Damit haben sich auch die Veranstaltungsformate weiterentwickelt, sodass wir derzeit etwa 1.000 Menschen pro Jahr in rund 70 Veranstaltungen erreichen.

Unsere Themen

 

Ein wohlwollendes Sprichwort besagt, es gebe keine dummen Fragen. Nun ja. In jedem Fall sind Fragen aufschlussreich, da sie uns auffordern, unser Anliegen oder Erkenntnisinteresse zu präzisieren. Damit verdeutlichen sie zugleich, was uns wichtig ist und wer wir sind. In diesem Sinn bieten die folgenden Fragen nicht nur einen Überblick über die Arbeit der Thales-Akademie, sondern sie ermöglichen es Ihnen auch einzuschätzen, ob unsere Anliegen auch Ihre sind.

Wirtschaftsphilosophie & Unternehmensethik
Welche ethischen Argumentationsmuster liegen unserem Alltagshandeln im Wirtschafts- und Arbeitsleben zugrunde? Welche Vorstellungen verbergen sich hinter so viel verwendeten, aber nur selten präzisierten Begriffen wie „Verantwortung“, „Vertrauen“, „Gerechtigkeit“ oder „werteorientierte Führung“? Welche Konzepte von Unternehmenskultur und Unternehmensverantwortung haben sich in Wissenschaft und Alltagspraxis etabliert? Mit welchem Menschenbild und Gesellschaftsverständnis sind diese Konzepte verbunden – und wie lassen sie sich seriös umsetzen? Wie können sich Unternehmen vom Wachstumszwang befreien und zur sozial-ökologischen Transformation der Gesellschaft beitragen?

Medizinethik
Was genau bedeuten so wegweisende ethische Konzepte des medizinischen Alltags wie „Würde“, „Selbstbestimmung“ oder „gerechte Mittelverteilung“? Wie wirken sich die Ökonomisierung und Digitalisierung auf das Gesundheitswesen aus, und wie können wir mit diesen Dynamiken umgehen? Vor welchen besonderen ethischen Herausforderungen stehen wir am Lebensbeginn und am Lebensende, gerade mit Blick auf unser Verständnis von „Gesundheit“, Krankheit“, einem „guten Leben“ und einem „würdevollen Sterben“? Welche Methoden können uns helfen, zu guten Entscheidungen zu kommen, wenn Patientenwünsche, Angehörigenbedürfnisse oder äußere Vorgaben mit unserem Berufsethos kollidieren?

Digitalethik
Wie verändert sich das Verhältnis von Mensch und Technologie durch die rasante Digitalisierung unserer Lebenswelt? Welche Prinzipien einer Daten- und Algorithmenethik können wir aus demokratischen Grundwerten wie „Würde“, „Gerechtigkeit“ oder „Nachhaltigkeit“ ableiten – und wie lassen sie sich umsetzen? Wie verändert die Digitalisierung unsere Arbeitswelt, etwa mit Blick auf neue Führungsmethoden sowie Tracking- und Bewertungsverfahren? Wodurch zeichnen sich verantwortungsvolle digitale Geschäftsmodelle aus, gerade im Unterschied zu US-amerikanischen Marktführern sowie der autoritären Strategie Chinas? Und wie können digitale Anwendungen unsere Wirtschaftsordnung und Demokratie verbessern?

Wie wir arbeiten…

Die bisherige Entwicklung der Thales-Akademie verdanken wir auch einer wachsenden gesellschaftlichen Sensibilität für die sozialen und ökologischen Probleme, die eine allzu wachstums- und konsumfixierte Lebensführung anrichtet. Mit dieser kritischen Bewusstseinsbildung ist der philosophische Blick zwar weniger exotisch geworden – doch ungewöhnlich ist er nach wie vor. Denn es geht uns nicht um politische Forderungen, rhetorischen Stabhochsprung oder eifrigen Moralismus. Vielmehr möchten wir Menschen offene, inspirierende Reflexionsräume bieten, um die Denkmuster und Überzeugungen zu hinterfragen, auf denen unsere alltägliche Praxis beruht – denn nur so lässt sich diese Praxis auch tatsächlich verändern. Wir möchten daher unser Selbst- und Weltverständnis im 21. Jahrhundert aufschlüsseln, um zugleich neue Argumentations- und Handlungsmöglichkeiten für eine sozial-ökologische Erneuerung unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Damit möchten wir den Teilnehmenden das nötige Rüstzeug vermitteln, um sich ein eigenes Urteil zu zeitlosen philosophischen, aber auch aktuellen ethischen Fragen zu bilden. Hierin besteht, entgegen verbreiteter Erwartungen an „Berufsphilosophen“, seit jeher die vornehmste Aufgabe der Ethik. Oder um es kurz zu machen: Wir möchten mir unserer Arbeit sensibilisieren, irritieren und orientieren.

…und wie nicht

Wir sind also keine Alleswisser, Moralapostel oder Unternehmensberater. Wir erteilen keine Ratschläge und machen keine Vorschriften, schon gar nicht mit dem Anspruch, es handele sich dabei um Patentrezepte, die sich mithilfe einer schmucken Checkliste störungsfrei umsetzen ließen. Wir möchten auch niemandem das eigenständige Denken abnehmen – sondern vielmehr lebendig dazu anregen. Dabei leitet uns eine Einsicht, die der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer einmal mit den Worten formulierte: „Nachdenklich machen ist die tiefste Art zu begeistern.“ In eine ähnliche Richtung weist der Philosoph Hans-Georg Gadamer, wenn er die philosophische Grundhaltung mit den Worten zusammenfasst: „Der Andere könnte Recht haben.“ So unprätentios dieser Gedanke zunächst daherkommt, so anspruchsvoll ist er auf den zweiten Blick. Denn er beinhaltet mindestens zwei Zumutungen: Vielleicht finden wir Wahrheit nur zu zweit, also im aufrichtigen Gespräch auf Augenhöhe? Und zweitens: Es kostet uns Muße und Mut, innezuhalten und das Argument des Anderen gelten zu lassen. Solche Momente möchten wir mit unserer Arbeit fördern. Denn letztlich entscheiden nicht so sehr Regeln und Normen über die Entwicklung einer Organisation oder Gesellschaft, sondern die Werte und Haltung jedes Einzelnen.

Warum „Thales“?

Wir haben uns erlaubt, den großen Thales von Milet als Namenspatron zu wählen, weil er wie kaum ein anderer philosophische Klugheit mit verantwortungsvollem Wirtschaften verbindet: Vor mehr als 2600 Jahren formulierte er den nach ihm benannten „Satz des Thales“ und damit einen Meilenstein der Geometrie, unterteilte das Jahr in 365 Tage und galt schon unter seinen Zeitgenossen als erster Philosoph überhaupt, weil er die These wagte, dass nicht die Götter, sondern eine physikalische Ursache – nämlich das Wasser – der Anfang aller Dinge sei. Somit war Thales nicht nur ein Pionier der Philosophie, sondern des wissenschaftlichen Denkens insgesamt. Dennoch belächelten ihn manche Zeitgenossen, weil er zwar ungewöhnlich klug, aber doch eher mittellos war. Daraufhin sah Thales – der Legende zufolge – dank seiner Himmelsbeobachtungen eine besonders reiche Olivenernte voraus, pachtete alle Ölpressen in der Umgebung von Milet und vermietete sie zur Erntezeit mit beträchtlichem Gewinn weiter. Durch den Erfolg dieser „Spekulationsstrategie“ hätte er als reicher Mann weiterleben können. Stattdessen verschenkte er den Großteil des Geldes mit dem lakonischen Kommentar, er habe nur mal zeigen wollen, dass es für einen klugen Mann einfach ist, reich zu werden. Damit folgte er seiner Maxime „Sei maßvoll“, in der sich eine höchst aktuelle Verbindung von Theorie und Praxis, von Weisheit und Wirtschaft ausdrückt, die uns bei der Thales-Akademie ein Vorbild ist.